Vom Kampfbegriff Gegenöffentlichkeit
Aus Bloghandbuch
Aufsatz in der Zeitschrift PERIPHERIE, basierend auf einem Vortrag, der u.a. auf einem von der Zeitschrift veranstalteten Workshop Globalisierung, Soziale Bewegungen und kritische Publizistik in Münster am 14. und 15.2.2003 gehalten wurde.
Der volle Titel des Aufsatzes:
Vom Kampfbegriff Gegenöffentlichkeit zur elektronischen Demokratie.
Kritische Publizistik, Gegenöffentlichkeit und die Nutzung Neuer Medien durch soziale Bewegungen [1]
Das Thema der Analyse ist die:
diskontinuierliche Geschichte alternativer Öffentlichkeitsproduktion von der 68Bewegung bis heute.
Inhaltsverzeichnis |
Ausgangslage heute
Eingangs zitiert der Autor eine Passage aus:
Klein, Naomi (2003): Über Zäune und Mauern. Berichte von der Globalisierungsfront. Frankfurt/New York
«Die Öffentlichkeit der sozialen Bewegungen ist heutzutage im Wesentlichen digital – so der Tenor der medialen Berichterstattung. Naomi Klein geht noch weiter und spricht davon, dass das Internet durch die weltweiten Proteste der Globalisierungskritiker überhaupt erst zum Leben erwacht sei:
"Dank des Internets ist Mobilisierung fast ohne Bürokratie und fast ohne hierarchische Strukturen möglich; mühevolle Konsensfindung und angestrengte Manifeste verlieren an Bedeutung und werden durch eine Kultur des permanenten, locker strukturierten, bisweilen geradezu zwanghaften Informationsaustauschs ersetzt."»
Aus: Oy: Vom Kampfbegriff Gegenöffentlichkeit [1]: Seite 507
Diskontinuität alternativer Öffentlichkeitsproduktion
Oy unterscheidet drei Konzepte – quasi reine Idealtypen – innerhalb der Theorie und Praxis alternativer Öffentlichkeiten.
«Trotz der Diskontinuität alternativer Öffentlichkeitsproduktion lassen sich drei idealtypische Formen von kritischen Theoremen von Öffentlichkeit, Medien und Demokratie:
Gegenöffentlichkeit als
- "Sorge um Demokratie" (Demirovic),
- Betroffenheitsberichterstattung als Kritik an der Massendemokratie und
- Kommunikation als emanzipative Strategie.»
Aus: ebd.: Seite 508
"Sorge um Demokratie"
Als Reaktion auf diffamierende Berichterstattung und die konzentrierte Macht von Medienkonzernen, die den MedienkonsumentInnen konstruierte Wirklichkeiten vorspielen können, und als Sorge um die Demokratie, welche durch die "erkaufte Zustimmung der (medial) Beherrschten" ad absurdum geführt würde, werden die Ziele der "Rückeroberung" der Medieninstitutionen, die Befreiung vom Meinungsmonopol und die Schaffung von unabhängigen Gegenöffentlichkeiten propagiert und angestrebt.
Bsp.: direkte Auseinandersetzung mit dem Springer-Konzern bis hin zur "Anti-Springer-Kampagne". Gegenöffentlichkeit ist wird in diesem Kontext als Kampfbegriff gebraucht,
«der sich gegen das den Herrschaftszusammenhang legitimierende Mediensystem wendet, gegen dessen Struktur und Arbeitsweise.»
Aus: ebd.: Seite 509
Die maßgeblichen Theoretiker dieser Bewegung sind Alexander Kluge und Oskar Negt. Sie propagieren die Schaffung einer Gegenöffentlichkeit als Netzwerk kritischer Medienprojekte.
Es soll um die mittelbare Schaffung einer proletarischen Öffentlichkeit gehen, indem konkrete Medienprojekte angegangen werden, die direkt auf konkreten Produktionsverhältnissen von proletarischen Gruppen aufsetzen.
Forderung: staatliche Regulation des Mediensystems;
Vorstellung: wenn sich die Manipulation abgeschaltet werden kann und sich die Wahrheit durchsetzt, dann ist alles gut und die Spielregeln der Demokratie können funktionieren;
Betroffenenberichterstattung
ist eine grundlegende Kritik an Massenkommunikation und mithin auch an "Öffentlichkeit".
Kommunikation muss/soll authentisch sein und nicht abstrahiert, zusammengefasst, moderiert, vermittelt.
«Gemäß dem Postulat der Politik in erster Person wurde einer als authentisch eingeschätzten Äußerung eines Betroffenen mehr Glauben geschenkt als einer journalistisch verarbeiteten Meldung. Durch die kategorische Ablehnung von Journalismus sollte der Zusammenhang von authentischer Meinungsäußerung, Bericht der Betroffenen, Kollektivitätserfahrungen und politischer Aktion gewahrt bleiben.»
Aus: ebd.: Seite 513
Forderung: Selbsthilfe und individueller Zugang;
Vorstellung: von purer individuellen Kreativität, von authentischen Erfahrungen, Wissen, Meinung;
Heute sind Ansätze dieser Betroffenenberichterstattung zu bemerken, wenn über freie Medienplattformen Betroffene ohne redaktionelle Schranken sich direkt an einen kleinen Kreis eingeschränkter Öffentlichkeit wenden, im Medium des privaten und persönlichen Blogs und allem Widerspruch zum Trotz auf anonymen Foren zur Selbsthilfe.
Kommunikation als emanzipative Strategie
Hier rückt der Modus von Kommunikation gegenüber dem Inhalt in den Vordergrund.
«Die technische Möglichkeit, zugleich senden und empfangen zu können, steht als Chiffre für wahrhaft demokratische Verhältnisse. [..]
In der Aufhebung der Trennung von Machern und Publikum, di an den herkömmlichen Medien kritisiert wird, liegt die Hoffnung auf die emanzipative Kraft der Rezipienten begründet.»
Aus: ebd.: Seite 513
Forderung: Enthierarchisierung von Kommunikation, technische und organisatorische Gleichberechtigung;
Vorstellung: unter solchen Voraussetzungen der Multitude wird Selbstorganisation, selbstorganisiertes Lernen und Selbstreinigung durch den Kommunikationsprozess wahrscheinlich;
«Im Prozess der Ausdifferenzierung der kommunikativen Techniken setzte sich jedoch eine Art "Geständniszwang" durch, die ehemals freie Meinungsäußerung wurde in eine Art "Verpflichtung zur medialen Selbstrepräsentation" transformiert.»
Aus: ebd.: Seite 514
Demokratiemaschine Internet?
Die Technologiefeindlichkeit der linken, kritischen und alternativen Szenen im deutschsprachigen Raum haben bereits den ersten politisch organisierten Hackern einen schweren Stand in der alternativen Theorie und Praxis verschafft.
Die potenziell weltweiten Zugriffs- und Publizierungsmöglichkeiten sind bereits ein Chiffre für einen Demokratisierungsprozess. Gleichzeitig werden diese technischen und organisatorischen Möglichkeiten zu einem neuen politischen Kampffeld und selbst zum Inhalt politischer Kämpfe, in denen es um freien Datenfluss, freies Wissen und kollektive Intelligenz geht.
«Bei genauem Betrachten dieser neuen elektronischen Räume stellt sich allerdings heraus, dass diese – analog zu herkömmlichen politischen Räumen – ebenso von Trennungs- und Differenzierungslinien durchzogen sind. Die Art der Nutzung der Informationsangebote im Netz ist eindeuti vorstrukturiert.»
Aus: ebd.: Seite 515
Im Internet dominieren in absoluten NutzerInnenzahlen wiederum die "üblichen Verdächtigen": Medienkonzerne und Interessensvertretungen der Wirtschaftseliten.
Dennoch ist unleugbar, dass das Internet einen leichteren Zugang zu alternativen Informationen und Meinungen, zu alternativen diskursiven Räumen und zu alternativen Publikationsoptionen ermöglicht, und das so ein Zugang "passiert" auch wahrscheinlicher macht.
Renaissance des Konzeptes Gegenöffentlichkeit?
Medienlandschaft und Mediennutzung unterliegen seit geraumer Zeit einem schleichenden und immer weiter fortschreitenden strukturellen Wandel.
Darunter zu sehen ist u.a. auch eine Ökonomisierung von "Nachrichten" und "Unterhaltung". Es verstärkt sich so gesehen hoch, dass Information, die in keiner alltagspraktischen Einbettung und kulturellen Praxis vermittelt wird, in hohem Maße auswirkungslos bleibt.
Über alternative Medien und alternative Nutzung der neuen Medien werden die vorangestellten Konzepte – abseits der idealtypischen Reinheit – und freilich unter neuen Vorzeichen wieder relevant und wirksam.
Gegenöffentliche Projekte haben ihre Wirksamkeit bereits bewiesen, besonders auch als kritische Auseinandersetzungen mit Medien.
«Der Begriff der Autonomie als Ausdruck einer selbst geschaffenen, verwalteten, finanzierten und kontrollierten Infrastruktur ist bis heute für eine kritische Medienpraxis handlungsanleitend. Im Gegensatz zur Idee von der so genannten linken Bild-Zeitung steht dabei die Schaffung von eigenen Medien, die sich nicht in erster Linie an den bürgerlichen Medien reiben, im Vordergrund.»
Aus: ebd.: Seite 519
Wichtig scheint heute wie ehedem, dem Pathos und der Selbstzirkulation bis hin zum Gruppenselbstbetrug zu entgehen und dem entgegen auf Offenheit, Heterogenität und Selbstironie zu setzen.
Negativbeispiel: Indymedia
Positivbeispiel: web2.0