Gewerkschaftspresse als Gegenöffentlichkeit
Aus Bloghandbuch
Eine Studie aus der Mitte der 1970er Jahre, als das Konzept der "Gegenöffentlichkeit" (v.a. in Deutschland) einige Bedeutung hatte.
Der exakte Titel:
Gewerkschaftspresse als Gegenöffentlichkeit?
Untersuchungen zur Funktion gewerkschaftlicher Publikationen in Arbeitskonflikten [1]
Hier einige Passagen aus der Einleitung dieser Untersuchung:
Inhaltsverzeichnis |
Untersuchungsthema: innergewerkschaftliche Kommunikationsstruktur
Der erste Absatz der Studie, die Einführung in das Thema:
«Die folgenden Untersuchungen befassen sich mit der nach innen gerichteten Funktion der Gewerkschaftspresse, mit dem Beitrag der von Gewerkschaften herausgegebenen Druckschriften zu innergewerkschaftlichen Kommunikation, Diskussion, Willens- und Entscheidungsbildung. Gewerkschaftspresse wird als Teil der innergewerkschaftlichen Kommunikationsstruktur verstanden, deren Aufgabe es ist, Erfahrungen und Interessen von Lohnabhängigen zu verallgemeinern und so die Grundlage für solidarisches organisiertes Handeln zu legen.»
Aus: Gewerkschaftspresse als Gegenöffentlichkeit [1]: S. 3
Vorbemerkungen zur Entwicklung des gewerkschaftlichen Apparates
Es wird der Begriff der "Dienstleistungsgewerkschaft" eingeführt, um strukturelle Bedingungen der deutschen Gewerkschaften verdeutlichen zu können:
Die Struktur der "Dienstleistungsgewerkschaft"
Zuerst die Charakterisierung punkto "Kommunikationsbedarf":
«Innergewerkschaftliche Kommunikation wird kaum zum Problem, wenn Gewerkschaften überwiegend als "Dienstleistungsorganisationen" funktionieren, deren Experten durch geschicktes Verhandeln und Taktieren bei geringer Mitgliederbeteiligung materielle Vorteile für die Beitragszahler herausholen. Unter diesen Bedingungen genügt eine lockere und zentral gesteuerte Kommunikation, die die Mitglieder von Zeit zu Zeit über die Erfolge und Leistungen der Organisation informiert, um sie bei der Stange zu halten und die der Führung hinreichend Aufschluß über Erwartungen und "Stimmung" der Mitgliedschaft gibt. Nur in den seltenen Fällen, in denen die Führung eine Stärkung ihrer Verhandlungsposition durch Demonstrationen und Streiks benötigt, wird es erforderlich, die innergewerkschaftlichen Kommunikationskanäle auch zur Mobilisierung der Basis zu nutzen. Die westdeutschen Gewerkschaften wiesen lange Zeit viele Merkmale von Dienstleistungsorganisationen auf.»
Aus: ebd.: S. 3
Merkmale der "Dienstleistungsgewerkschaft"
... ergeben sich aus der Stellvertreterpolitik und wirken sich auf Kommunikation quasi strukturlogisch wie folgt aus:
«(1) Auf betrieblicher wie auf überbetrieblicher Ebene bildeten sich Strukturen der Stellvertreterpolitik heraus, innerhalb derer Kommunikation nur den Zweck hatte, den Mitgliedern die Politik der Gewerkschaftsführung bzw. des Betriebsrats zu erklären, nicht aber die Mitglieder zu einem Handeln zu aktivieren und sie kollektiv an Entscheidungen der Organisation zu beteiligen. [..]
[..] Die Vertrauensleute "vertreten vor den Mitgliedern die von den Tarifkommissionen aufgestellten Forderungen und Beschlüsse sowie die Verhandlungs- und Tarifergebnisse".
Der Kommunikationskanal Vertrauensleute dient also dazu, die Mitgliedschaft auf von oben kommende Beschlüsse zu verpflichten; in umgekehrter Richtung jedoch sollen die Vertrauensleute keine Beschluß- und Kontrollaktivitäten entfalten, sondern von den Mitgliedern "Anregungen und Vorschläge" lediglich "weiterleiten".
Die gleichen Funktionsbestimmung gilt erst recht für das innergewerkschaftliche Publikationswesen: "Seit jeher haben die Zeitungen und Zeitschriften der Arbeitnehmerverbände die Aufgabe, Bindeglied zwischen den Vorständen und Mitgliedern zu sein. Sie sollen einen reibungslosen Informationsfluß in beide Richtungen sicherstellen. Darüber hinaus halten sie die Verbindung der Mitglieder untereinander aufrecht."
Die Reihenfolge ist bezeichnend und realitätsgerecht: An erster Stelle steht die Transmission von den Vorständen zu den Mitgliedern; dann folgt ein Verweis auf den "Informationsfluß in beide Richtungnen", also auch von den Mitgliedern zu den Vorständen; an letzter Stelle wird schließlich die Kommunikation der Mitglieder untereinander genannt.[2]»
Aus: ebd.: S. 3-4
Der Befund
Obige Merkmale verfestigen sich mit der Lebensdauer der Organisation notwendiger Weise. Der tatsächliche Befund der Studienautoren bestätigt:
«Die folgenden Einzeluntersuchungen (Anmerk.: die Untersuchung präsentiert drei Fallstudien) werden im Detail belegen, welche dieser drei Funktionen wie wahrgenommen wird; ein grobes Ergebnis kann hier schon vorweggenommen werden:
Die zweite Funktion, "Informationsfluß" von unten, wird von den gewerkschaftlichen Presseorganen kaum,
die dritte Funktion, "Verbindung der Mitglieder untereinander", wird von ihnen nur in der Weise wahrgenommen, daß alle Mitglieder in gleicher Weise als Rezepienten an den Informationsfluß von oben angeschlossen werden.
Dieser Befund fügt sich in das Bild, das schon [..] skizziert wurde: Die in 30 Jahren westdeutscher Gewerkschaftsgeschichte herausgebildeten internen Kommunikationsstrukturen sind zentralistisch und passivierend, nicht basisdemokratisch und aktivierend aufgebaut.»
Aus: ebd.: S. 4
Zusammenfassung der Studienautoren
«Dies ist ein statischer Befund. Beläßt man es dabei, dann sind Fehldeutungen und strategische Fehleinschätzungen unvermeidlich ..»
Aus: ebd.: S. 4
... schreibt das Autorenkollektiv und distanziert sich im weiteren von alarmistischen oder fatalistischen Folgerungen. Die Autoren stellen sodann ihre Untersuchung in den größeren Zusammenhang einiger weiterer Analysen zur Gewerkschaftspolitik allgemein, zu der "Entwicklung der westdeutschen Gewerkschaften insbesondere seit Mitte der 60er Jahre" und zu der "Entwicklung von Kapitalakkumulation und politisch-ökonomischen Systemzwängen".
Daran knüpfen sie dreizehn gegliederte Punkte:
«Die folgenden thesenartigen Zusammenfassungen wollen daher nicht originell sein, sondern nur unsere analytische Position deutlich machen und sie zugleich in Richtung auf innergewerkschaftliche Kommunikation zuspitzen.»
Aus: ebd.: S. 5
Die sozialpartnerschaftliche Ordnung
Als erster von 13 Punkten ("Thesen") wird angeführt:
«[..] seit Erreichen der Vollbeschäftigung Ende der 50er Jahre bestand ein relativ großer lohn- und sozialpolitischer Konzessionsspielraum des flott akkumulierenden (westdeutschen) Kapitals, der den Vertretungen der Lohnabhängigen (Gewerkschaten und Betriebsräten) Verhandlungserfolge ermöglichte, mit denen die Lebenslage der Arbeiter stetig verbessert wurde, ohne daß es dazu kollektiver Aktionen größeren Ausmaßes bedurft hätte. Dieser Konzessionsspielraum des Kapitals war die Grundlage für die Herausbildung von Strukturen der Stellvertreterpolitik und von Illusionen über die dauerhalfte Vereinbarkeit von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen bei hohem Wachstum durch Produktivitätsfortschritt. Beides kam wiederum auch dem Kapital zugute: Die passivierende Stellvertreterpolitik reduzierte das Streikrisiko in einem für alle westlich-kapitalistischen Länder einzigartigen Ausmaß [..].»
Aus: ebd.: S. 5-6
Die kooperative sozialpartnerschaftliche Politikausverhandlung half über längere Zeit der Arbeitgeberseite; und zwar u.a. über die Durchsetzung einer einseitigen (top-down) und "passivierenden" innergewerkschaftlichen Kommunikationskultur.
politische Entwicklungen der Nachkriegszeit
Punkt 2: Die Autoren zählen hier die antikommunistische Stimmung samt dem Mißtrauen gegenüber jeder Basisdemokratie und linken Bewegung, die Ausrichtung der Sozialdemokratischen Partei (u.a. als "prokapitalistische Partei), die Ideologie der sozialen Marktwirtschaft (im Deutschland der 50er und 60er Jahre), die auch für die Lohnabhängigen einige Früchte brachte.
Die "Konzertierte Aktion" in der Wirtschaftskrise
Punkt 3:
«[..] Nach dem Regierungseintritt der SPD (Anmerk.: durch die Wirtschaftskrise 66/67 notwendig geworden) und der Übernahme des Wirtschaftsministeriums [..] ließen sich die Gewerkschaftsführungen 1967/68 vollständig auf die ihnen zugedachte Rolle als Promotoren eines Aufschugs durch Lohnverzicht ein. Sie traten der Konzertierten Aktion bei und schlossen Tarifverträge ab, die ein Davongaloppieren der Unternehmerprofite bei langfristig stillgestellten Löhnen ermöglichten. Die Mitarbeit in der Konzertierten Aktion wurde den Gewerkschaftsführungen auch dadurch nahegelegt, daß sie selbst jahrelang eine staatliche Globalsteuerung unter Einbeziehung der Gewerkschaften verlangt hatten und nach dem Regierungseintritt der SPD auf eine ihren Zielvorstellungen entsprechende Verteilungs- und Strukturreformpolitik hofften.»
Aus: ebd.: S. 7
Die "kooperative Gewerkschaftspolitik"
Punkt 4:
Der Eintritt in die Konzertierte Aktion bedeutete, ohne daß es in den Gewerkschaftsführungen anfangs bemerkt wurde, eine neue Qualität gewerkschaftlicher Selbstunterordnung unter kapitalistische Zwänge. Diese neue Qualität wird [..] treffend mit "kooperativer Gewerkschaftspolitik" bezeichnet. Zwar hatten die Gewerkschaftsführungen auch vorher schon ihre Forderungen und ihre seltenen Streikaktionen an dem von ihnen eingeschätzten Konzessionsspielraum des Kapitals orientiert und jede darüber hinauszielende Aktivität unterbunden. Das Neue an der kooperativen Politik ist aber, daß die Gewerkschaftesführungen nunmehr zugunsten der scheinbaren oder realen Vorteile, die ihnen aus der Anerkennung als Kooperationspartner des Staates erwachsen,
► ihre Tarifpolitik von vornherein an staatlichen Orientierungsdaten ausrichten,
► diese Orientierungsdaten als Ausdruck "gesamtwirtschaftlicher Vernunft" gegenüber den Mitgliedern vertreten,
► die Kampfkraft der eigenen Organisation auch dann nicht ausschöpfen, wenn Kampfbereitschaft offensichtlich vorhanden oder sogar von der Organisation vorher selber mobilisiert worden ist,
► die zentralistisch Struktur der Organisation nutzen, um potentielle oder aktuelle Opponenten ihrer Politik der Kooperation auszuschalten, z.B. durch Unvereinbarkeitsbeschlüsse.»
Aus: ebd.: S. 7-8
Die Autoren streichen in der Darstellung dieser Konstellation noch besonders hervor, dasss natürlich nicht nur die Gewerkschaftsführungen sich schrittweise an eine solche kooperative Form der Politikausübung gewöhnten, sondern dass auch die Gewerkschaftsmitglieder im Zuge der verschärften Krisenfolgen zunehmend begreifen mussten, dass ihre Lebenslage(n) nicht von individueller Leistung abhängt und sich nur durch kollektive Aktionen verteidigen läßt.
Dazu mussten die Mitglieder an starken Gewerkschaftsführungen interessiert sein, selbst wenn diese nicht die Politik verfolgten, die sich die Mitglieder wünschten.
Die gesamtökomomische Einbindung und Schlüsselstellung
Punkt 5:
Die Kooperationsbereitschaft der westdeutschen Gewerkschaftsführungen - im Gegensatz etwa zu den französischen und italienischen - ist freilich nicht nur Produkt ihrer SPD-Bindung. Sie ist vielmehr auch Reflex der Bedeutung, die die Gewerkschaften mit beeinflußten Tarifbewegungen für die Kostenkalkulationen der Unternehmer bei fallender Profitrate gewonnen haben. Insofern befinden sich Gewerkschaften in allen westlich-kapitalistischen Ländern in der Zwangssituation, auf staatliche Kooperationsangebote entweder einzugehen oder eine strategisch durchdachte Politik des Konflikts zu praktizieren.»
Aus: ebd.: S. 8
Damit sprechen die Autoren die veränderte Rolle der Gewerkschaften in der Gesellschaft, Politik und Volkswirtschaft an. Dadurch, dass sie in die kooperative Politik einschwenkten und in der Folge großflächiger Tarifabschlüsse ein hohes Maß an Berechenbarkeit für alle Beteiligten sichergestellt wurde, wurden die Gewerkschaften zu einem wichtigen Player der gesamtwirtschaftlichen Steuerung.
Die Politisierung der Ökonomie durch staatliche Globalsteuerung macht aus dieser Möglichkeit eine Wirklichkeit. [..] (D)ie staatliche Einflußnahme auf die zentralisierte gewrekschaftliche Tarifpolitik gehört zu den wichtigsten Instrumenten der Konjunkturregulierung durch Regierungen. [..] Die kooperative Gewerkschaftspolitik [..] ist das Produkt [..] eines unbegrenzten Vertrauens in die Fähigkeit des Staates, durch ein modernes Instrumentarium der Konjunktursteuerung Krisen zu vermeiden.»
Aus: ebd.: S. 9
- ↑ 1,0 1,1 Autorenkollektiv: Gewerkschaftspresse als Gegenöffentlichkeit? Untersuchungen zur Funktion gewerkschaftlicher Publikationen in Arbeitskonflikten; Berlin 1977: Verlag Die Arbeitswelt
"Das Autorenkollektiv entstand aus einem Seminar am Fachbereich 15 der Freien Universität Berlin. Manuskriptabschluß Frühjahr 1976.
Mitglieder des Autorenkollektivs:
Jean-Paul Georgen, Wolf von Goldacker, Jürgen Holz, Dieter Kilian, Heike Klapdor, Ahmet Mutlu, Wolfgang Ritterfeld, Helmer Tralst, Bodo Zeuner" - ↑ Die Studie zitiert hier immer wieder gewerkschaftsinterne Richtlinien und Analysen; diese Verweise unterbleiben hier aufgrund der Fülle und verjährten Richtlinien, Statuten, Artikel.