Das Kollektiv Informations-Dienst

Das Kollektiv Informations-Dienst

Aus Bloghandbuch

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Wir dokumentieren hier ein historisches Dokument aus den frühen 1970er Jahren. Ein programmatischer Text eines Redaktionskollektivs, welches sich der Arbeit an einer Gegenöffentlichkeit verschrieben hatte.

Es handelt sich um die:

«erklärung des kollektivs
Informations-Dienst (ID)
zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten»[1]

vom 14.10.1973.


Diese Erklärung des "kollektivs Informations-Dienst" geben wir an dieser Stelle unter der Kategorie Gegenöffentlichkeit2.0 wieder, weil der Text – eine programmatische Erklärung – als Original und in wenigen Sätzen sehr gut nachvollziehen lässt, welche Intentionen, Sichtweisen und Problemlagen damals die AktivistInnen der ersten "Gegenöffentlichkeit"-Bewegung in den frühen 70er Jahren angetrieben haben.


... hier in diesem Sinne diese Erklärung eines Redaktionskollektivs aus dem Jahre 1973;
siehe auch den Scan rechts oben:


Die Erklärung vom 14.10.73

Der Text verzichtet im Original fast ausschließlich auf die Groß-/Kleinschreibung. Zur besseren Lesbarkeit wird hier zumindest am Satzanfang die Großschreibung verwendet. Einzelne Druckfehler sind ausgebessert.


erklärung des kollektivs

Informations-Dienst
zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten

RICHTIGE INFORMATIONEN SIND FÜR UNS UNERLÄßLICHE PRODUKTIONSMITTEL UND SCHLAGKRÄFTIGE WAFFEN IM KLASSENKAMPF!


Der informationsdienst ist ein unabhängiges bulletin zur verbreitung von nachrichten über konflikte, sauerrei-ender herrschenden, aktivitäten an der basis und kämpfe in der dritten welt. Der informationsdienst will die manipulation und das monopol der bürgerlichen presse durchbrechen.

NACHRICHTEN KOMMEN VOM VOLK UND KEHREN ZUM VOLK ZURÜCK

Damit wir das verwirklichen können bitten wir um die mitarbeit aller individuen und gruppen. Schickt uns berichte über eure aktivitiäten über dinge, die euch nicht passen und die ihr verändern wollt. Schreibt uns oder ruft uns an.


Im augenblick sind wir eine gruppe von 10 regelmäßig im büro und an dem projekt arbeitenden genossen und ein haufen von leuten, die hin und wieder mal reinschauen und locker mitarbeiten. Wir haben zur zeit kontaktzentren in berlin, hamburg, köln und münchen. Weitere werden in hannover und stuttgart folgen. In den größeren städten arbeiten wir beim aufbau von kommunikationszentren mit, die für uns eine bessere arbeitsmöglichkeit bieten. Von dort wird jederzeit die möglichkeit gegeben sein informationen an uns weiterleiten. An ausländischen informationen können im augenblick französische, englische, spanische, italienische und portugiesische übersetzt werden.
Unsere bemühungen eine infrastruktur zur schaffung einer gegenöffentlichkeit herzustellen haben zu ersten kontakten geführt, d.h. nicht, daß die kontaktaufnahmen abgeschlossen sind - sowas gibt es nicht!

Der kreis der mitarbeiter soll sich nicht auf journalisten und bestehende organisationen beschränken, vielmehr glauben wir, daß in verschiedenen lebens-arbeits-und-organisationszusammenhängen erfahrungen gemacht werden, die selbst mit fehlern behaftet, wichtige informationen für die emanzipatorische bewegung darstellen, da nur so die verschiedenen formen des widerstands gegen die unmenschlichkeit des täglichen lebens zur gemeinsamen erfahrung werden können.


Was ihr und wir, das id-kollektiv dazu beitragen können: da unserer ansicht nach: PARTEILICHKEIT DER INFORMATION NICHT HEIßT: IM INTERESSE DES VOLKES DIE HALBE WAHRHEIT VERSCHWEIGEN schickt uns nachrichten!
z.b. regelmäßig erscheinende infos; flugblätter; diskussionspapiere über weiterentwicklung bestehender praxis; vorschläge von neuen aktionen oder aktivitäten (z.b. "rote zellen bundesliga" o.ä.) berichte/informationen über mietwucher, fälle von repressionen, unfälle, die von den Bullen inszeniert wurden, lebensmittelvergiftungen, umweltverschmutzung durch betriebe, also auch sachen, die noch nicht von politischen gruppen aufgegriffen worden sind. Berichte aus betrieben über inflationsdiskussionen der kollegen, über warnstreiks, "spontane" streiks, betriebsunfälle und mehr.
Kontakte in die knäste, informationen von gefangenen, berichte aus jugendheimen, "irrenhäusern". Informationen über alles, was euch wichtig genug erscheint, daß es auch andere wissen müssten.
Wir wollen keinen linken journalismus aufbauen! Laßt die betroffenen sprechen!!
Gebt den aktivisten das wort, nicht den journalisten. wir unterliegen keinem formulierungsdruck, wenn nur klar wird, worum es geht. Auch sind wir gegen trennung von politik, kultur, sport, frauenteil u.a. Macht der bevölkerung, den kollegen, den genossen klar, daß sie selbst zu wort kommen müßen, nicht die herrschenden oder deren handlanger bei den medien.

Unsere empfänger sind im wesentlichen gruppen, kommunikationszentren, linke stadtteil- u. betriebszeitungen, jugendzentren, buchläden u.ä., die als multiplikatoren unsere nachrichten weiterveröffentlichen. Aber darüber hinaus werden wir versuchen arbeitsformen zu finden, die es möglich machen die gegeninformation auch unter dem teil der bevölkerung zu bringen, der zur zeit keine andere altenative zu bürgerlichen medien hat.

Wir sind unter dieser adresse schriftlich und telefonisch zu erreichen und können bei vorformulierten berichten auch auf band aufzeichnen.

ID kollektiv

Aus: ID: Projekt Gedächtnis: S. 9



  1. ID-Archiv im Internationalen Institut für Sozialgeschichte (Hg.): Projekt Gedächtnis. ID-Artikel aus den Jahren '73-'81; Amsterdam 1988: Seite 9